Europas Transportbranche unter Druck
20. Jan. 2026NewsletterDie europäische Transportbranche steht weiterhin vor erheblichen strukturellen Herausforderungen. Nach Einschätzung von Roel Steigerwald, Vice President Europe Global Forwarding bei C.H. Robinson, prägen steigende Kosten, veränderte Warenströme und neue regulatorische Vorgaben alle Verkehrsträger. Deutschland nimmt dabei als logistischer Knotenpunkt eine Schlüsselrolle ein und muss Transparenz, Flexibilität und Digitalisierung stärker priorisieren.
Luft- und Seefracht zwischen Stabilität und Risiko
In der Luftfracht bleibt die Nachfrage aus Asien hoch, vor allem durch E-Commerce. Der Markt ist derzeit relativ ausgeglichen, da Airlines Kapazitäten nach Europa verlagert haben. Regulatorische Anpassungen führen jedoch dazu, dass Verlader verstärkt auf multimodale Transportlösungen setzen.
Auch die Seefracht zeigt sich aktuell stabil. Eine mögliche Normalisierung der Suez-Routen könnte jedoch zusätzliche Kapazitäten freisetzen und neuen Preisdruck erzeugen, was Reedereien zu Gegenmaßnahmen zwingen würde.
Straßengüterverkehr unter massivem Kostendruck
Den größten Umbruch erwartet C.H. Robinson im Straßentransport, insbesondere in Deutschland. Steigende Kosten für Personal, Energie, Versicherungen und Maut treffen auf einen intensiven Wettbewerb, der Preiserhöhungen erschwert. Sinkende Margen führen bereits dazu, dass Unternehmen Fahrzeuge stilllegen oder den Markt verlassen. Trotz Fahrermangels ist die Gesamtkapazität aktuell noch ausreichend, was das Preisniveau niedrig hält.
Komplexere Lieferketten und neue regulatorische Lasten
Unternehmen diversifizieren ihre Lieferketten zunehmend und setzen auf mehrere Beschaffungsregionen wie Südostasien, Indien und Nearshoring. Gleichzeitig erhöht die Ausweitung des EU-Emissionshandelssystems die Komplexität: Transportanbieter müssen ihre Emissionen umfassend erfassen, was Kostenstrukturen und Routenentscheidungen beeinflusst.
Geopolitik und Digitalisierung als zentrale Einflussfaktoren
Geopolitische Konflikte haben den europäischen Handel bislang kaum beeinträchtigt, könnten aber langfristig neue Nachfrage verschieben – etwa durch den Wiederaufbau der Ukraine oder neue Wirtschaftskorridore zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa.
Parallel wird die digitale Transformation zum entscheidenden Erfolgsfaktor. Echtzeit-Transparenz, Automatisierung und KI-gestützte Planung gelten zunehmend als Voraussetzung, um Lieferketten in einem kostengetriebenen und volatilen Umfeld effizient zu steuern.
Vier Prioritäten für Verlader
C.H. Robinson nennt vier zentrale Handlungsfelder: modale Flexibilität, um je nach Marktlage zwischen Transportarten zu wechseln, eine diversifizierte Beschaffung zur Risikominimierung, konsequente Technologieeinführung zur Kosten- und Prozessoptimierung sowie eine systematische Risikokartierung entlang der Lieferkette.